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30.10.2001

11. September 2001 - ein Tag, der die Welt veränderte; von Olaf Scholz

Der 11. September 2001 war Hamburg ein kühler Tag, nebelig, Sprühregen. Ich hatte als Hamburger Innensenator um 14.00 Uhr einen Termin im Einwohnerzentralamt an der Amsinckstraße, es ging um Einbürgerungen und um die Abschiebung von ausreisepflichtigen Straftätern, die keine Pässe hatten.

Es war gegen drei, als der Führungsdienst der Hamburger Polizei auf meinem Handy anrief: möglicherweise habe es einen Anschlag auf das World Trade Center gegeben. Zu diesem Zeitpunkt war noch nicht klar, was eigentlich passiert ist. Im Büro von Amts-Pressesprecher Norbert Smekal lief CNN, und er hatte den Einschlag der zweiten Maschine in den Südturm mitbekommen. Wir haben gemeinsam die Fernsehbilder gesehen, die rauchenden Türme. Niemand hat etwas gesagt – es war nicht zu fassen, und es war nicht in Worte zu fassen, was wir sahen. Ich bin dann schnell zurück in die Innenbehörde gefahren. Und ich habe natürlich - mehrmals an diesem Tag - mit meiner Frau telefoniert. Denn mir ging es auch so - dass ich einfach über das sprechen musste, was geschehen war.

Um 16.00 Uhr waren Polizeiführung und Verfassungsschutz in meinem Senatorenbüro. Es war eine Telefon-Schaltkonferenz angesetzt, mit Innenminister Schily, dem Bundeskriminalamt und dem Bundesamt für Verfassungsschutz. Der damalige Hamburger Polizei-Vizepräsident Wolfgang Sielaff fasste vor Beginn die bisher bekannten Tatsachen zusammen – ruhig, besonnen, auf den Punkt gebracht. So habe ich ihn kennen und schätzen gelernt. Abends stand eigentlich ein Termin mit HSV-Chef Werner Hackmann auf dem Programm, es sollte um die Sicherheit im Volksparkstadion gehen und darum wie die Polizei bei Fußballspielen im Stadion einzusetzen sei. Hackmann war selbst jahrelang Hamburger Innensenator. Er wusste genau, was jetzt bei uns los war, er sagte den Termin ab. „Ihr habt jetzt zu tun“, sagte er nur – genau so ruhig wie Sielaff zuvor.

Ich habe dann veranlasst, dass der ohnehin bestehende Polizeischutz für das US-Generalkonsulat und die jüdischen Einrichtungen in Hamburg verstärkt wird. Abends bin ich mit meinem Staatsrat Dirk Reimers und einigen wichtigen Polizeiführern zu diesen Einsatzorten gefahren, mit den Beamten reden, auf die Schultern klopfen, Anwohner beruhigen, Interviews geben. Wir sind dann kurz vor Mitternacht nach Hause gefahren, haben uns vor die Fernseher gesetzt und nicht geahnt, dass wir die folgende Nacht gemeinsam im Polizeipräsidium verbringen werden. Denn am nächsten Abend sollte uns die Nachricht erreichen, dass einige der Attentäter des 11. September in Hamburg gelebt hatten, bevor sie ihr furchtbares Verbrechen begingen und Tausende Menschen mit in den Tod rissen.

Was mich zu diesem Zeitpunkt schon unheimlich beeindruckt hat: wie ruhig, professionell und besonnen die Polizei mit dieser Lage umgegangen ist. Denn spätestens um Mitternacht wussten wir: Seit dem Nachmittag des 11. September 2001 ist die Welt eine andere.